Kristof Grunert

"MastHave"

Skulpturen, Zeichnungen, Druckgrafiken

04.09.2021 - 26.09.2021

Eröffnung: 04.09.2021 um 16:00 Uhr
Langhaus der Klosterkirche in Uelzen-Oldenstadt
Klosterstraße 6, 29525 Uelzen-Oldenstadt

Öffnungszeiten

Freitag / Samstag 15 – 18 Uhr Sonntag 11 – 13 Uhr und 15 - 18 Uhr Besuch von Gruppen nach Absprache mit der 2. Vorsitzenden des KVU Renate Schmidt, Tel. 0581-76675 oder 0170-332 50 29
Kristof Grunert-Drahtschwein-Bronze-detail
Foto: Herbert Boswank

Schwein gehabt!
Kristof Grunert stellt unter dem Titel „MastHave“ im Kunstverein aus

Nein, belehren oder anprangern will Kristof Grunert nicht. Das macht er zu Beginn des Gesprächs unmissverständlich klar. Der verwirrende Titel „MastHave“ sei auch kein Spaß, keine Blödelei. „Es ist mir ziemlich ernst mit dem Schwein“, sagt er. Räumt auf Nachfrage ein, dass Massentierhaltung natürlich sowieso kein Spaß ist.

„Vielleicht stelle ich mich in die Reihe mit den Humoristen“, sinniert er dann. Der Titel soll ein Wortspiel sein. – Man darf damit seine Schwierigkeiten haben. Mit den Arbeiten von Kristof Grunert hat man keine. Ist das Wort „MastHave“ ein Zwitterding aus aufgedrehten so genannten Influencerinnen, die uns einreden, dass man dies und das unbedingt haben muss (engl.: must) und dem deutschen Wort „Mast“, mit dem man sofort ankommt bei Tierqual, sind die Plastiken, Grafiken und Zeichnungen des Künstlers aus Dresden klare, anrührende, ehrliche und beeindruckende Arbeiten.

Noch bis zum 26. September 2021 ist die Ausstellung im Langhaus und der BBK-Galerie Oldenstadt geöffnet. Freitags und samstags von 15 bis 18 Uhr, sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Kristof Grunert wurde im Jahr 1977 in Dresden geboren. Er absolvierte eine Steinmetzlehre und studierte später an der Kunsthochschule Berlin/Weißensee Freie Kunst und Bildhauerei. Das Diplom datiert aus dem Jahr 2005. Der Aufenthalt in Schottland, an der School of Art Glasgow, schloss sich an. Im Jahr 2006 gewann Grunert den ersten Preis „Moderne Tierplastik“, den die Porzellanmanufaktur Meissen ausschrieb. Ein Jahr später vervollständigte der „Sächsische Skulpturenpreis“ der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz die Preisliste. Grunert unterrichtete Erziehungswissenschaft und Kunstpädagogik an der TU Dresden, war Gastprofessor auf der Burg Giebichenstein Halle und erhielt dort danach einen Lehrauftrag. Seit 2019 ist er Dozent für Anatomie an der Hochschule für Bildende Künste in seiner Heimatstadt. Was hier medizinisch klingt, ist jedoch auf eine künstlerische Basis zu stellen.

Kristof Grunert zeichnet auch mit seinen Studenten grundsätzlich „vor der Natur“. Die Zeichnung ist Vorstudie zur Plastik. Für die Schweine besuchte die Gruppe einen sächsischen Lehrbetrieb, in dem Forschung zu Tierhaltungsformen betrieben wird, und schloss persönliche Bekanntschaft mit dem Borstenvieh. „Mich interessiert das Thema Tier“, sagt Grunert, „ich wollte aber keinen Streichelzoo zeigen, sondern das, was sich in mir verdichtet hat zum Thema.“
Das Schwein betreffend, hat das frappierende Ergebnisse gezeitigt, auch wenn er eine Skulptur ein wenig respektlos „Leberwurstschwein“ nennt. Aber die „Kleine Sau“ aus Holz, mein persönlicher Favorit der Ausstellung, thront auf ihrem hohen Sockel, als wollte sie ein Denkmal für sich und ihre Artgenossen sein. Verschmitzter Blick, in dem alle Intelligenz liegt, die man Schweinen nachsagt, und eine Top-Figur!

„Es liegt mir fern, dem Betrachter eine Geschichte zu erzählen“, sagt Kristof Gruner. Das ist schade. Denn Geschichten erzählen heißt doch nicht zwangsläufig, irgendetwas zu oktroyieren. Aber die Kunst liegt und entfaltet ihre Wirkung sowieso im Auge des Betrachters. Und so meint man in der Zeichnung „Schlafender Eber“ das Wohlbefinden des Tieres zu erkennen. Was ausschließt, dass er in einer Massentierhaltungsanlage beobachtet wurde.

Grunerts Zeichnungen, auch einige Grafiken brachte er mit, leben von einer meisterhaften Linienführung, die Wesentliches unterstreicht. Sie sind trotz der Farbreduzierung auf Schwarz und Weiß (manchmal ein wenig Rot oder Grau) dennoch ein Naturschauspiel.

Das Schwein ist uns Menschen ja näher, als wir es vielleicht möchten. Das erste Insulin wurde aus Schweineinsulin entwickelt. Die Herzklappen des Tieres werden uns operiert. Es gibt keinen einzigen Grund, seinen Namen als Schimpfwort im Munde zu führen und es als Mitgeschöpf so zu behandeln, wie wir es tun.

Der Künstler bekennt, dass er „die Skulpturen vielleicht gemacht habe, weil ich nicht darüber reden wollte“. Überdecken sie also eine gewisse Sprachlosigkeit? Hilflosigkeit auch? Nein, sagt Grunert. Seine Schweine seien Abstraktionsstufen, unterschiedliche Ansatzpunkte, das Thema zu umkreisen. Und so gibt es die verschiedensten Tiere. Elegante und dickbäuchige. Scheinbar ausgeweidete oder auf die pure Form reduzierte. Manche sind figurative Bändigung, andere strömende Plastizität. Auch die Kleinen unter ihnen sind räumliche Erlebnisse.

„Bedarf es für die Hinwendung zum Tier überhaupt einer Begründung?“, fragte Vernissage- Rednerin Dr. Sophia Gräfin Grothe. Sie verneinte die Frage, weil „der Mensch nicht das Zentrum der Welt ist, so wie die Sonne nicht das Zentrum des Sonnensystems“ sei. Sie wandelte in ihren interessanten wie launigen Ausführungen kunsthistorisch zwischen Dürer und der Feststellung, dass es einige Tiere bei Malern besser getroffen hätten, beispielweise die Taube oder der Löwe. Das Schwein hatte es schon immer schwer, mit Blick auf die drei großen Weltreligionen umso mehr.

Aber, so die Rednerin weiter: „Mit menschlichem und gestaltendem Verstand wird Grunert dem Tier gerecht; er ehrt es mit seiner Arbeit.“ Dass diese fröhliche Kreatur es endlich einmal verdient hat, darin traf sie im Publikum auf Zustimmung.

Man kann sich durch die Ausstellung in Oldenstadt amüsieren lassen – so viel Schwein! Ich selber hatte stets einen Subtext im Kopf: „Nutztier“ oder Glücksschwein?
Aber Kunst vermittelt immer nur Selbsterkenntnis, gewährt sie durch einen anderen Blickwinkel. Sie ist eben ein Medium zur Reflexion – ein Vehikel zum Weltverbessern ist sie nicht.

Barbara Kaiser – 05. September 2021

Einleitende Worte zur Ausstellung „MastHave“ von Kristof Grunert, am 4.September 2021 in Oldenstadt

Kristof Grunerts künstlerisches Werk ist Tier und Natur gewidmet. Konkreter noch laut seiner Homepage: Raubtieren, Huftieren, Vögeln und Pflanzen. Warum? Oder warum überhaupt immer die Frage nach dem Warum? Bedarf es für die Hinwendung zum Tier überhaupt einer Begründung?

Ringelnatz, der Dichter, der bei seinen Tiergedichten immer die Tierplastik von Réne Sintenes, der Schöpferin des Berliner Bären vor Augen hatte, schrieb einmal folgendes Gedicht:

Gedichtzitat: Ringelnatz, „Mensch und Tier“

Der Mensch ist wahrlich nicht das Zentrum unserer Welt so wie die Erde nicht der Mittelpunkt unseres Sonnensystems ist. Wir sind immer mehr gefordert, unsere auf den Menschen zentrierte Weltsicht zu hinterfragen. Künstler haben sich seit je her mit Tieren beschäftigt. Aber wie?

Albrecht Dürer schaffte 1500 einen besonderen Dreiklang:

Er erarbeite sich zeichnerisch en detail den heimischen Hasen – und jeder, der mal ohne Fotovorlage versucht hat, einen Hasen zu porträtieren, weiß, dass der Hase weiß Gott ein sehr ungeduldiges Aktmodell ist. Auch Du, lieber Kristof, arbeitest viel mit der Zeichnung: Sei es die Bewegung, die Haltung, die besonderen Details einer Spezies, die Hufe oder die Schnauze oder seine Anatomie. Das zeichnerische Erfassen und Verstehen des Tieres ergibt sich bei Dir insbesondere aus dem Verständnis für seine anatomischen Möglichkeiten.

Doch ich sprach von Dürers Dreiklang. Er interessierte sich nicht nur für die künstlerische Auseinandersetzung mit der vorgefundenen, heimischen Natur, sondern auch für die, die er nicht kannte: Das berühmte Rhinozeros.

Ich habe hier den Katalog der druckgrafischen Sammlung der Uni Göttingen mit dem Titel „Dürers Dinge“. Und als ich vor fünf Jahren Kristofs Werkkatalog mit dem aus Stoff gewickelten Nashorn in den

Händen hielt, da musste ich lächeln. Was macht ein Tier aus? Was sind seine besonderen zeitlosen Eigenschaften? Kristof gestaltet zeichnerisch grafisch und plastisch das Tier in seinem Wesen. Da das Wesen eines Tieres vielschichtig ist, ermöglicht es ihm ein breites Spektrum von Gestaltungsmöglichkeiten und dennoch bleibt es nah an unserem Ur-Verständnis vom Nashorn an sich.

Doch noch einmal zu Dürer: Das Tier ist bei ihm also das Interesse an der naturalistischen Darstellung und das Interesse am Exotischen aber auch immer der Symbolträger gewesen, allegorisch in der Vielfalt von Dürers Bildsprache zu verstehen. Er reduzierte Adam und Eva nicht auf die Schlange, sondern fügte ihnen gar einen Hirsch und eine Hirschkuh bei, die Melancholie verband er mit dem kauernden Hund und immer, immer wieder zeichnete er den Löwen in der Studierstube des heiligen Hieronymus und natürlich die Taube des heiligen Geistes.

Tiere sind früh in der Kunst als Symbolträger verwendet worden. Dabei hatten manche – wie die Taube und der Löwe Glück und manche – wie im realen Tierleben – eher Pech:

Das Schwein ist tatsächlich so ein Tier, was im realen Leben als Masttier zumeist Pech hat aber auch symbolisch mit viel Last beladen wurde.

Zwar war der Eber schon bei den Germanen mit Kraft, Kampfesstärke und Glück verbunden. Hiermit konnotiert ist dann sicherlich auch die spätere Verwendung als Wappentier wie wir es vom Hardenberg- Schnaps kennen. Auch die heute fragwürdige und sehr oberflächliche Nutzung als Silvesterglücksbringer bezieht sich auf diese altgermanische Betrachtung.

Doch um das gendermäßig mal hier klarzustellen: diese positive Kraft hat man nur dem Eber zugestanden, nicht der Sau! Die frühen Kulturen des Abendlandes verehrten die Sau zwar ähnlich dem antiken Gott der Zeit Cronos, der die Stunden, nämlich seine Kinder fraß. Als buddhistische Schweinegottheit der Morgendämmerung wurde die Sau sogar noch im 11 Jahrhundert in Indien mit ihren sieben Ferkeln verehrt. Aber in der Antike – wenn auch noch mit positiver Bedeutung – wurde die Sau bereits zum Opfertier für die Göttinnen der Fruchtbarkeit degradiert.

Mit dem Judentum, dem Christentum und dem muslimischen Glauben gleichsam kam generell die Ablehnung des Schweines als „unrein“ bzw. als dämonisch und mit dem Teufel verbunden. Die Jagd gegen das Wildschwein wurde zur Jagd gegen das Ur-Böse. Auch Dürer setze die Schweine um, in seinem Kupferstich vom verlorenen Sohn – der Job des Schweinehirten war der Tiefpunkt von dessen Karriere.

Aber was will nun der hier vertretene zeitgenössische Künstler, wenn er sich bestimmten Tieren immer wieder bildnerisch nähert und diese dann auch komprimiert als „MastHave“ ausstellt.

August Gaul, der Tierplastiker des beginnenden 20 Jahrhunderts sagte einmal: “Ich will gar nicht die Natur pedantisch imitieren, sondern das Typische und ihren seelischen Kern festhalten. Vor allem will ich eine plastische Arbeit machen.“ Kristof ist, nicht nur ausgebildeter Steinbildhauer, Meisterschüler und Dozent für Anatomie an der Kunsthochschule Dresden. Natürlich will auch er vorrangig eine plastische Arbeit machen! Im Blick hat er in seinem plastischen Werk immer das Tier als gegenständlichen Gesamtorganismus. Die körperliche Form und Bewegung des Tieres greift Kristof auf und setzt sie in einer unerschöpflichen Bandbreite von Materialgestaltung und Formfindung um. Material, Form und das Motiv „Tier“ eröffnen ihm viele bildnerische Facetten und Möglichkeiten.

Aber Kristof ist vor allem auch ein humanistischer Mensch, der sich als solcher entschieden hat, allen Menschen und den Tieren unter Berücksichtigung ihrer Fähigkeiten und Schwächen – wie man auf neudeutsch sagt – auf Augenhöhe zu begegnen.

John Stuart Mill, der Hauptvertreter der philosophischen Strömung des frühen Utilitarismus Ende des 19 Jahrhunderts sagte einmal:

„Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein, als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr.“

Über den Utilitarismus kann man streiten, aber die Frage, wie man als Mensch glücklich werden kann, ist hoch aktuell, wenn uns die Nachrichten von Waldbränden, Plastikmüll, Ressourcenverschwendung, Flucht, Unterdrückung, Pandemie und der atomare Restmüll erschrecken und Sorge bereiten:

Unser menschliches Wissen und unser Erkenntnisdrang sollte uns doch erheben über die schlichten sinnlichen Freuden und unsere kurzfristigen „Must-haves“ die inzwischen weit über die Deckung unseres Grundbedarfs gehen. Dies greift Kristof mit seinem Titel auf. Er will – OTon – keinen „Streichelzoo“ ausstellen, vielmehr das Tier hinter der Massentierhaltung würdigen und unseren Konsumanspruch kritisieren.

Der Mensch kann eigentlich – und das ist mein Verständnis eines zeitgemäßen Utilitarismus – nur glücklich sein, wenn er das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl von Mensch und Tier angestrebt. Diese Ansicht finde ich von Kristofs Werk und seiner konkreten Ausstellung hier vertreten. Das Werk von Kristof Grunert versucht nicht wie mancher Zeitgenosse – allen voran Damien Hirst mit seinen Hai in Formaldehyd – Natur und Tierwelt neu zu kreieren. Kristof wird mit menschlich möglichem, gestaltendem Verstehen dem tierischen Wesen bildnerisch gerecht. Er ehrt es mit seiner Arbeit! Und ich finde: das hat es auch mal verdient!

Dr. Sophia Gräfin Grote