Georg Lipinsky

"Gratulationsausstellung zum 75."

11.09.2015 - 20.09.2015

Eröffnung: um Uhr
Galerie im Theater an der Ilmenau
Greyerstraße 3, 29525 Uelzen

Öffnungszeiten

Im Umbau
Georg Lipinsky_Weltbilderer Schiller
Georg Lipinsky_Weltbilderer Schiller

Georg Lipinsky wurde 75.

Eine Rede im Kunstverein aus diesem Anlass
von Barbara Kaiser

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Lieber Georg!

Die Tatsache, dass der Georg jetzt schon 75 geworden ist, war selbst am Jubeltag, dem 11. August 2015, nicht verhandelbar. Dabei war er doch gerade erst 60 gewesen. Hatte 60 Collagen, für jedes Lebensjahr eine, vorgelegt. Bilder, die die Welt und das Private miteinander verknüpften auf eine Art, die eine wachsame ist. Wo Einverständnis nie mit Ergebenheit zu tun hat, aber viel mit Neugier, die stets skeptisch bleibt. Hält man einem Jubilar eine Rede, verbietet sich Ketzerei. Noch dazu, wenn der zu Ehrende die Möglichkeit für diese Ausstellung von einer Institution erhielt, die sich der Kunst verschreibt.

Ich bin beim Nachdenken darauf gekommen, dass ich mit Georg Lipinsky seit 15 Jahren bekannt bin. Sie bemerken, ich vermeide den Ausdruck, dass ich ihn so lange kenne. Denn wann kennten die Menschen einander schon?

Kommen zwei aus verschiedenen Sozialisationen zusammen, schließt sich ein „Kennen“ obendrein aus. Und zu allem Überfluss hat die neueste Studie aus dem Berlin-Institut im Juli festgestellt, dass es sehr wenige Nenner gibt, auf die sich Ost- und Westdeutsche auch nach 25 Jahren verständigen können. Einig sind sich beide Bevölkerungsteile nur in einem: Der jeweils andere ist doof, arrogant und weiß alles besser.
Derlei Einstellung, aus der womöglich Urteil – oder noch schlimmer Vorurteil – wächst, wäre natürlich keine Basis für diese Rede. Und dass es zwischen Georg Lipinsky und mir – meist – nicht so ist, wir uns inzwischen Bücher borgen, zusammen einen trinken und auch hin und wieder einer Meinung sind, sollte vielleicht Hoffnungsschimmer sein. Ich weiß es nicht.

Denn es ist keine drei Jahre her, dass an einem eigentlich gemütlichen Abend die Stimmen doch nachhaltigere Phonstärken annahmen – zugegeben: der Pegel der Maibowle war da schon um einiges gesunken.

Es ging wieder einmal um das offenbar unerschöpfliche Thema, was vorzuziehen sei: Eine imaginäre Freiheit, wie sie in Zeiten von NSA und Vorratsdatenspeicherung sowieso immer fragwürdiger ist, wenn es sie denn je gegeben hatte, oder ganz konkrete soziale Sicherheit, die ich bis 1989 erleben durfte.

Wir haben uns danach wieder vertragen. Weil der Georg jemand ist, der auch mal den anderen Blickwinkel riskiert. Der sich nicht scheut, die Perspektive zu wechseln um wenigstens für möglich zu halten, dass die Auffassung des Anderen nicht totaler Widersinn ist.

Ich habe neulich im Nachruf auf Egon Bahr gelesen, dass der ein Abrüster gewesen sei, der stets weiterreden und verhandeln wollte. Und weil man den anderen nicht hören kann, wenn man selber zu laut rasselt, war ihm die Gabe des Zuhörens gegeben. So ähnlich versuchen wir es auch. – Nun kann Georg Lipinsky auch laut Schaum schlagen, aber vielleicht kann er inzwischen auch mehr zuhören. Manchmal habe ich diese Erfahrung mit ihm gemacht.

Lipinsky wurde 75. Das glaubt man nicht, erklärt er uns die Welt doch weiter mit dem Ernst des Schelms. Er leistet sich, schon immer und mit 75 erst recht, den Luxus einer eigenen Meinung. Er fällt nicht auf vorgefertigte herein, auf vorverurteilende sicherlich (hoffentlich) auch nicht.

Er stieß an: Ereignisse wie die Kulturnhalle, den 2009er Kultursommer etwa. Er rennt an: Gegen Dummheit, Ignoranz und Gleichgültigkeit. (Manchmal vergebens) Und er ist der mit
dem aufmerksamen Blick geblieben. Manchmal ist seine Feder, so scheint es, obendrein spitzer geworden. Was normal ist, denn mit der Souveränität eines gewissen Alters kann man
auf übertriebene Rücksichtnahmen verzichten.

Als der Schauspieler, Regisseur und Dramatiker George Tabori (gestorben 2007) in einem Interview einmal gefragt wurde, was sein Hauptcharakterzug sei, gab er zur Antwort: Die Flucht in den Witz. Das könnte auf Georg Lipinsky auch zutreffen. Aber Obacht! Manchmal ist über Witze eben nicht zu lachen! – Als der kleine Georg im thüringischen Ellrich geboren wird im Sommer 1940, da haben Hitlers Räuberbanden Skandinavien erobert, den so genannten Westfeldzug mit dem Einmarsch in Paris abgeschlossen, in England würde der Bombenkrieg gegen die Städte wie Coventry bald beginnen. Und doch steht das größte Verbrechen noch bevor: der Überfall auf die Sowjetunion, der Vernichtungsfeldzug gegen alles Jüdische. Vater Lipinsky hat Glück, er kommt aus dem Krieg zurück. Sein Sohn aber wird nicht, wie in der Familie üblich, Berufsoffizier, sondern Lehrer. Davor hatte er, nach der Familienflucht westwärts, im Solling die Schule besucht, hatte seine Bundeswehrzeit als Leutnant der Reserve abgeschlossen. Weil Verweigern damals noch nicht üblich war und sogar für einen Georg Lipinsky noch zu viel der Aufmüpfigkeit bedeutete. Er studiert an der Pädagogischen Hochschule Göttingen, wird Volksschullehrer mit Hauptfach Kunst, Nebenfach Politik. Später wird er beide Rubriken auf kongeniale Weise zu verknüpfen wissen. Noch vor seinen Abschlussprüfungen im Jahr 1966 verlobt er sich und heiratet. Am 1. April 1966 zieht er von Göttingen nach Jelmstorf und wird Lehrer an der zweiklassigen Volksschule, unterrichtet in Räumen, in denen sich die Schüler von der ersten bis zur dritten beziehungsweise der vierten bis zur sechsten Klasse drängeln. Dass man da für Ruhe, Disziplin und Ordnung zu sorgen hat, ist überlebenswichtig für einen Lehrer. Lipinsky kann das. Bis zu seiner Pensionierung werden ihm die Schüler ihren Respekt nicht versagen.

Im Jahr 1968 wird er Beamter auf Lebenszeit und beginnt eine Weiterbildung zum Realschullehrer für das Fach Geschichte; im November desselben Jahres erfolgt die Versetzung an die Realschule Uelzen (später: Theodor-Heuss-Realschule). Die Qualifikation „Realschullehrer im Fach Kunsterziehung“ wird er nach einem Besuch der Werkkunstschule Hannover ebenfalls nachreichen. In diese Zeit fallen die ersten Ausstellungsbeteiligungen und die Aufnahme in den Bund Bildender Künstler (BBK).

Seit 1974 wohnt die Familie, zu der inzwischen drei Töchter gehören, „An der Helde“. Als das neue Nest in der Nummer 28 fertig ist, beginnen die politischen Aktivitäten des Realschullehrers Lipinsky. Er engagiert sich gegen die Atompolitik im Land – seine bekannteste Collage ist vielleicht „Bürger gegen Atommüll“, die in der ganzen Bundesrepublik ungefragt kopiert und als Flugblatt eingesetzt wird. Lipinsky stört es fast nicht, dass er seine Urheberrechte so missachtet sehen muss, es geht ihm um die Sache. Der inzwischen „Realschulkonrektor“ demonstriert gegen den Bau des Atomkraftwerkes Brokdorf. Seit 1978 wird er zudem Mitglied des erweiterten Vorstandes des Kulturkreises Uelzen, weil auch kommunalpolitisches Engagement zu ihm gehört.

Vielleicht entwickeln sich seine Arbeiten, die immer Collagen sind, auch wenn es sich um Ölbilder oder Mailart-Karten handelt, nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahr 1986 noch eine Spur schärfer. Fordernder. Verzweifelter ? Lipinksy marschiert einen Abschnitt mit von Wackersdorf nach Gorleben, wird wiederholt Ratsherr (Kulturausschuss) und arbeitet, arbeitet, arbeitet. Und mahnt. Im Dezember 1983 bespricht der damalige Chefredakteur der AZ, Gunter Beuershausen, eine Ausstellung des Künstlers und dessen druckfrisches Buch „Uhlenköpereien“. Es heißt dort: „Wenn er die Zeichenfeder spitzt, die Farbe anrührt, Schere und Kleister herholt, um seine kritischen Collagen zu machen, dann geht es meistens um die Themenkreise Naturschutz und wie wir überleben können. Verbissen wie manch anderer sieht er das aber nicht… Wenn`s politisch wird, ist Georg Lipinsky anders als mancher andere: `Die ganz grobe Holzhammermethode“, sagt er, `die liegt mir nicht.` So arbeitet er eher mit den
hintergründigen Mitteln der Ironie.“ Und das Ergebnis ist damals wie heute dasselbe: Es scheint, als bewirkten des Künstlers Arbeiten so Ähnliches wie das Sonnenlicht. Wir sehen den wirbelnden Staub erst dann, wenn er diese Streifen der Helle passiert. Solch einen Fokus, diese Art Erhellung, schafft der Maler und Pädagoge mit den besten seiner Blätter. Und Hoffnung, die ehrenwerteste Form des Selbstbetrugs, ist immer.

Georg Lipinsky sei immer beides, Mensch und Künstler, mit Intensität gewesen, sagte im Jahr 2002 Bürgermeister Otto Lukat anlässlich einer Ausstellungseröffnung im Museum
Lüneburg. Der Künstler hatte dort seine „Konkrete Biografie“, bereits erwähnte JahresCollagen, gezeigt. Und, so Lukat damals weiter, er gehöre zu den „herausragenden
Künstlerpersönlichkeiten“, die von der Friedenbewegung in ein politisches Amt kamen „und nie bequem“ waren. Das ist Kompliment. – Gestalten kann heutzutage ja jeder. In einer visuell geprägten Gesellschaft ist man zum Gestalten der eigenen Erscheinung, des Lebenslaufs, geradezu gezwungen. Doch ob die Gestaltung auch höheren qualitativen Kriterien genügt, ist zweifelhaft. Bei Georg Lipinsky nicht. Seine künstlerische Domäne ist die des Bürgers, mit Vorliebe die des bestimmten Mitbürgers in der Provinz Uelzen. Der, gepeinigt von Spießigkeit, auf dem Sprung in die satte Behäbigkeit ist. Dorthin, wo zur Gemütlichkeit der Dünkel kommt, zur Sattheit die Tücke und das Tumbe.

Lipinsky belebt das Gelände zwischen Biedersinn und Herrschsucht. Missverständnisse oder Beleidigungen durch diese Provokation nimmt er in Kauf. „Auf seine Art zu denken“, ist sich Oscar Wilde sicher, „ist nicht selbstsüchtig. Wer nicht auf seine Art denkt, denkt überhaupt nicht.“ Das ist für Lipinsky der Entschuldigung genug.

Viel ist hier zu des Jubilars Collagen gesagt worden, meist zu den politischen. Anlässlich seines 75. Geburtstages hat der Künstler 75 „Weltbilder“ vorgelegt. Es sei alles, was ihm in
den Sinn kann, sagte er mir dazu. Und ich darf Ihnen, liebe Zuhörer, versichern, dass sie nur auf den ersten Blick sanft und harmonisch erscheinen! Die eine oder andere, Zitat:
„Hintervotzigkeit“, sei schon dabei, gab Georg Lipinsky dafür zu Protokoll.

„Weltbilder“ – Bilder aus der Welt, aus einem Leben, das inzwischen ein Dreivierteljahrhundert währt. Sie stellen Dinge zusammen, die nicht zusammen gehören. Und wenn sie da plötzlich beieinander stehen, ergeben sich völlig neue Einblicke. Das ist so ähnlich wie mit der deutschen Einheit: Da kam zusammen, was vermeintlich zusammen gehören sollte; es stellte sich aber heraus, dass es doch nicht so einfach und übersichtlich wurde und wir bis heute daran nagen.
Auf keinen Fall darf bei einer Laudatio auf Georgs Leben vergessen werden, dass Lipinskys Zyklus „Vom Fischer un syner Fru“ und andere seiner Märchen-Auseinandersetzungen, wie etwa die um den Machandelbaum, um die halbe Welt gingen. Werden seine Allegorien, seine Bilder, seine Gesichte überall verstanden? Wahrscheinlich sehr wohl, denn ihr Schöpfer mengt sie mit Allgemeingültigem, weitet seine Märchen mit Dimensionen, die auf das Mensch-Sein und -Bleiben zielen.

Anlässlich einer Ausstellungseröffnung in Hannover zitierte der Theologe Hans Werner Dannowski den Dramatiker Peter Weiß, der der Kunst die Funktion der Anästhesie zuschrieb, die zum Verstummen der Qual mit dieser Welt führe, zum Aushalten der Leiden – vielleicht aber die Kraft in sich birgt, dieses oder jenes Leiden zu verändern. Und wenn der frühere Akademiepräsident Klaus Staeck seine Künstlerkollegen aufforderte, sich endlich wieder mehr in die Politik einzumischen, so muss sich Georg Lipinsky diese Mahnung nicht neu zu Herzen nehmen. Er hat nie etwas anderes getan als darauf hinzuweisen, dass das deutsche Selbstverständnis gefährlich zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn pendelt (Ricarda Huch).

Im Jahr 1996 verzichtet der Stadtverordnete Lipinksy auf eine erneute Kandidatur. Seine künstlerischen Aktivitäten bleiben ungebrochen, Vorsitzender des Kulturkreises war er eine
lange Zeit; da hatten die Theaterringaufführungen hohes Niveau. Collagen zu Paul Gerhardts Lied „Geh aus, mein Herz“, Mail Art-Aktionen, Blätter zur Schöpfungsgeschichte. Zum 60. Geburtstag, dem Jahr der Expo in Hannover, gestaltet er
seine bunte „ Kuh-lau-Kuh“, lebensgroß mit Notenblättern und Uelzenbildern auf dem Balg. Er regte das erste Theaterfest an im Jahr 2001 und schöpfte immer wieder aus seiner schier
unerschöpflichen Kreativität Postkarten und Blätter zum lokalen Kulturleben. Vielleicht glaubt er an „die sanfte Gewalt der Vernunft“ – das ist von Brecht; manchmal aber scheint er
mit seinen Arbeiten auch mit Armin Münch, Lyriker und Maler, auszurufen: „Zum Teufel, wenn wir vor lauter Mode das Elementare, Wesentliche, die Weltereignisse nicht mehr
sehen!“

Georg Lipinsky ist 75. Er hat das angemessen gefeiert. Dem Geburtstagskind des Monats August wurde Glück gewünscht und wir wollen hier die Hoffnung anfügen, dass seine Blätter,
prallvoll mit Details und hintergründig pointensicher, weiterhin ein Hort der Renitenz bleiben; er aus der (historischen) Wahrheit keine ideologische Handelsware macht. Geschichtlich lang ist die Spur dieser Art der Anmaßung. Aber des Collageurs Sache ist eher der Denkmalsturz als das Denkmalsetzen.

Georg Lipinksy und ich waren uns einig, dass man zu dieser Ausstellung nicht viele Worte verlieren muss. „Die Leute sollen die Augen aufmachen“, sagte er. Ich möchte ergänzen: Nehmen Sie ein Leben, dessen Endlichkeit sich einer bewusster geworden ist, rühren Sie darein geschichtliche Ereignisse, lokalpolitische Possen und die Gabe, der Empathie fähig zu bleiben – dann werden Sie auf den Bildern vieles finden und verstehen.

Es gibt eine Grafik zu Erich Frieds folgendem Gedicht: „Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er habe Angst, aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel.“ Daran hat sich
auch Georg Lipinsky orientiert.

Dass er damit bei den Selbstgerechten weiterhin aneckt, wird zu erleben sein. Obwohl er neulich meinte, er müsse jetzt nicht mehr auf jeder Hochzeit tanzen. Darauf wetten würde ich
allerdings nicht!

Werke

Bilder der Eröffnung​